Waffen für Hitlers Krieg - Hans Leyers in Norditalien 1943 - 1945

Bild | Haus Palant heute

Als vor zwei Jahren der Roman des Amerikaners Mark Sullivan „Unter blutrotem Himmel“ in deutscher Übersetzung erschien, reichten die Reaktionen von Ratlosigkeit bis Bestürzung angesichts der Geschichte, die dort über einen General Hans Leyers aus der Sicht seines italienischen Fahrers im von den Nazis besetzten Norditalien erzählt wird. Wohnte doch der 1981 verstorbene ehemalige Wehrmachtsgeneral Hans Leyers viele Jahre mit seiner Familie auf Haus Palant in Weisweiler. Die Stadt Eschweiler benannte 1992 eine Straße in der Nähe der Burg Weisweiler nach ihm.

Man wusste, dass er als General im Zweiten Weltkrieg in der Wehrmacht gedient hatte, vielleicht auch, dass er als Zeuge in den Nürnberger Prozessen gegen seinen Vorgesetzten Albert Speer ausgesagt hatte. Zudem war bekannt, dass in den Nachkriegsjahren manchmal hohe Wirtschaftsvertreter aus Italien zu Besuch auf Haus Palant waren und ihm gelegentlich Geschenke in Form eines Neuwagens der Marke Fiat gemacht wurden. Aber welche Rolle der General im Zweiten Weltkrieg gespielt hatte, welche Funktion er etwa in Italien inne hatte, das wusste man nicht und danach hat lange Zeit auch niemand gefragt.

Grundstück der alten Burg | © Evangelische Kirchengemeinde Weisweiler-Dürwiß
Grundstück der alten Burg

Hans Leyers war von 1961 bis 1971 Presbyter und Kirchmeister der evangelischen Kirchengemeinde Weisweiler. Zuvor vertrat er bereits die Weisweiler Evangelischen im Presbyterium der Kirchengemeinde Eschweiler. Mit anderen hat er sich für den Bau der 1954 eingeweihten Auferstehungskirche in Weisweiler eingesetzt. Aus dem Familienbesitz wurde das Grundstück der alten Burg gegen einen geringen Kaufpreis für den Kirchbau zur Verfügung gestellt. Darüber hinaus hat er sich viele Jahre ehrenamtlich für das Wachsen und Gedeihen der Kirchengemeinde eingesetzt.

Die Kirchengemeinde verdankt ihm viel. Über seine Vergangenheit hat er freilich in all den Jahren nie gesprochen, weder in der Gemeinde noch im Presbyterium und auch nicht mit dem damaligen Pfarrer Valentin Schmitz, der von 1961 an in Weisweiler Seelsorger war.

Sollte Leyers tatsächlich ein Kriegsverbrecher sein, der für die Ausbeutung tausender italienischer Zwangsarbeiter verantwortlich war, der sich persönlich in Italien an Raubgold bereichert und die Erschießung von Zeugen dieses Verbrechens ausgeführt haben soll, wie es das Buch von Sullivan romanhaft erzählt?

Um diesen Fragen nachzugehen, beauftragte die Stadt Eschweiler im Februar 2019 den Historiker Dr. Carlo Gentile vom Martin-Buber-Institut für Judaistik an der Universtität Köln. Er wurde gebeten, ein „Historisches Gutachten zu Generalmajor Dr.-Ing. Hans Leyers mit besonderer Berücksichtigung seiner Tätigkeit im deutsch besetzten Italien 1943-1945“ anzufertigen. Die 45 Seiten umfassende Studie wurde Ende August auf der Homepage der Stadt Eschweiler veröffentlicht.

Darin zeichnet Dr. Gentile zunächst in einer biographischen Skizze den persönlichen wie militärischen Werdegang des 1896 in Düsseldorf geborenen Hans Leyers von seinem Eintritt ins kaiserliche Heer 1914 bis zu seinem Einsatz in Italien zwischen September 1943 und Kriegsende nach.

In einem zweiten Teil wird in Grundzügen seine Tätigkeit als Generalbevollmächtigter des Reichsministeriums für Rüstung und Kriegsproduktion in Italien skizziert. Demnach erscheint Leyers nicht „als ausgesprochener ‘Nazi-General’“, sondern entspricht eher dem Bild „eines unpolitischen militärischen Technokraten“, der für das Ministerium unter Führung von Albert Speer an der materiellen Ausbeutung des besetzten Italiens zugunsten der Kriegsproduktion des Deutschen Reiches beteiligt und für Zwangsarbeit und Deportationen von Arbeitern maßgeblich verantwortlich war. Allerdings kann nach den bisher verfügbaren historischen Quellen nicht nachgewiesen werden, dass ihm Kriegsverbrechen wie Massenerschießungen oder Vergeltungsaktionen an Dörfern zuzuschreiben sind, wie sie im vom Deutschen Reich besetzten Europa zwischen 1939 und 1945 allenthalben vorkamen.

Zusammenfassend stellt Gentile fest: „In den vorliegenden Ausführungen wird deutlich, dass Leyers Engagement im Zweiten Weltkrieg weit über das Maß der „reinen Pflichterfüllung“ hinausging und er wesentlichen Anteil an der Perfektionierung der Ausbeutungsstrukturen im besetzten Italien hatte, wodurch er aus eigener Initiative beitrug, den Krieg zu verlängern. Leyers gehörte nach den vorliegenden Erkenntnissen zwar nicht in die Kategorie der Hauptkriegsverbrecher, dennoch war er als Technokrat für Gewaltmaßnahmen im Krieg verantwortlich.

Aus historischer Sicht ist stark zu bezweifeln, ob sein Verhalten im Zweiten Weltkrieg mit der Würdigung seiner Person insgesamt durch die Benennung einer Straße nach seinem Namen zu vereinbaren ist.“

Der Rat der Stadt Eschweiler wird auf Grund der neuen Erkenntnisse in seiner Sitzung am 3. Dezember vermutlich beschließen, den nach Hans Leyers benannten Weg in Weisweiler umzubenennen. Welche Konsequenzen stellen sich notwendigerweise für unsere Kirchengemeinde? Wir haben keine Umbenennung durchzuführen und keinen Gemeindeheiligen zu stürzen, den es so nie gab. Dennoch werden wir in Zukunft anders über den langjährigen Presbyter reden müssen. Neben den überschwänglichen Dank für die vielfachen Verdienste, der in den Gemeindechroniken zum Ausdruck gebracht wurde, wird das Bild eines Mannes hinzugefügt werden müssen, der als hochrangiger Militär und Regierungsfunktionär Hitlers zur Verlängerung des verbrecherischen Krieges und zur Ausbeutung eines ganzen Landesteiles in Italien während der Besetzung maßgeblich beigetragen hat und für vielfaches menschliches Leid und Elend verantwortlich war. Möglicherweise hat er als Entscheidungsträger in Einzelfällen auch dafür gesorgt, dass einzelne italienische Wirtschaftsbetriebe vor der völligen Zerschlagung und Zerstörung bewahrt wurden.

Gedenktafel in Weisweiler | © Evangelische Kirchengemeinde Weisweiler-Dürwiß
Gedenktafel in Weisweiler

Als Frage bleibt darüber hinaus nicht weniger dringlich, wie Hans Leyers Schweigen über die eigene Funktion und Taten auf der einen Seite und die beharrliche Weigerung seiner gesellschaftlichen Umgebung, seine Rolle in der Vergangenheit und die persönliche Verantwortung zu thematisieren, einzuordnen ist. Was ist Verdrängung, was Versagen, was die Schuld, und was die Lektion, die wir aus all dem zu lernen haben?

Am 5. März 2020 wird Dr. Gentile auf Einladung der evangelischen Kirchengemeinde im Gemeindehaus in Weisweiler einen öffentlichen Vortrag halten unter dem Titel “Waffen für Hitlers Krieg: General Hans Leyers in Italien 1943-1945“. Man darf auf seine Ausführungen und die anschließende Diskussion gespannt sein. Beginn ist um 19.30 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Pfarrer Wolfgang Theiler

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