Gedenken an die Reichspogromnacht am 9. November

Deuteronomium, das 5. Buch Mose, Kapitel 6:

Oder zu Deutsch: Höre, Israel: Der HERR, unser Gott, ist der einzige HERR. Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieben, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit deiner ganzen Kraft.

Und im Buch Leviticus, dem 3. Buch Mose folgt die notwendige Ergänzung:

Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.
Indem der Jude Jesus von Nazareth dieses Doppelgebot der Liebe aufgreift und seine zeitlose Gültigkeit bestätigt, bleibt es für Juden und Christen gleichermaßen verbindlich.

Sehr geehrte Damen und Herren!

Das Grundgesetz jüdischer und christlicher Religion, das Doppelgebot der Liebe wird konkret im Alltag der Welt.

Gott lieben bedeutet nämlich auch: sein Geschenk des Lebens an alle Menschen achten. Niemals vergessen, dass von Gott jeder Mensch seine Würde hat.

Auf diesem Hintergrund macht es Sinn, was Vertreterinnen und Vertreter der evangelischen Landeskirchen vor einigen Tagen öffentlich gesagt haben: "Antisemitismus ist Gotteslästerung."

Und das gilt für jede Form der Verachtung, Ausgrenzung, Beleidigung von Menschen, für Angriffe mit Worten und mit Taten.

"Wisset, die euch den Hass lehren, erlösen euch nicht!"

So steht es auf einer der Tafeln am Friedensmal in meiner Heimatgemeinde, und so ergänzt und konkretisiert es das Doppelgebot der Liebe.

Die Wirklichkeit:
Ein politischer Geisterfahrer gebärdet sich als Lenker des mächtigsten Staates der Erde. Die Früchte seines Redens und Handelns sind Spaltung und Unfriede im eigenen Land, aber auch im Nahen Osten und anderswo.

Ein junger Mann scheitert in Halle mit seinem Versuch, eine Synagoge zu stürmen und die Mitglieder der Gottesdienstgemeinde zu ermorden. Seinem Frust fallen zwei junge Menschen zum Opfer.

Im Oktober wählt fast ein Viertel der Wahlberechtigten in Thüringen eine Partei, die mit Gedanken, Worten und Werken Hass und Spaltung sät. Und die auch in unserer Region Anhängerinnen und Anhänger hat.

Diese drei Beispiele stehen für eine Unzahl weiterer

"Wisset, die euch den Hass lehren, erlösen euch nicht!"

Dass dieser Satz mit der Lebenswirklichkeit ungezählter Menschen auf diesem Erdball übereinstimmt, wird jeder bestätigen, der mit offenen Augen das Weltgeschehen wahrnimmt.

Aber dieser dient nicht nur der Analyse desBestehenden. Dient nicht nur der Feststellung dessen, was ist.

Dieser Satz weist unausgesprochen aber deutlich darauf hin, dass der Hass nicht das letzte Wort haben darf.

Was also sollen wir tun? Jede und jeder von uns hat im Alltag die Möglichkeit, gegen den Hass, gegen Trennung und Spaltung unter den Menschen aufzustehen.

Ja, auch Politikerinnen und Politiker sind gefordert, Vorbilder zu werden im wertschätzenden Umgang miteinander.  Vorbilder zu werden im Friedenstiften, im achtungsvollen Umgang mit Minderheiten. Und wir alle haben die Aufgabe,   den Damen und Herren auf allen politischen Ebenen unseres Landes entsprechend in den Ohren zu liegen und auf den Füßen zu stehen.

Aber das ist nur eine Seite der Möglichkeiten. Mehr und mehr ist unser bürgerschaftliches Engagement gefragt. Am Arbeitsplatz, in der Schule, in unseren Gemeinden, beim Einkaufen – überall wo wir Menschen einander begegnen, haben wir die Möglichkeit, Botinnen und Boten des Friedens, der Versöhnung und der Verständigung zu werden.

Und das ist mir ganz wichtig: Der Mahnung gegen den Hass entsprechen ungezählte Möglichkeiten zum Frieden.

Wir können aufeinander zugehen. Wir können hasserfüllten Äußerungen widersprechen. Wir können uns an die Seite von Menschen stellen, die ausgegrenzt werden. Die traurige und gefährliche Entwicklung weltweit und auch in unserem Land ist kein unabwendbares Schicksal.

Die Bibel, der Koran, die allgemeine Erklärung der Menschenrechte – sie alle rufen auf zu einem engagierten Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit, die immer Hand in Hand gehen müssen. Ohne Gerechtigkeit gibt es keinen Frieden. Wenn alle Menschen in unserem Land das Gefühl haben, nicht mehr ausgegrenzt oder abgehängt zu sein, dann
werden Unfriede und Spaltung der Gesellschaft ein Ende haben. Und das gilt weltweit.

Also: Jede Menge Möglichkeiten, jede Menge Arbeit. Aber keine Angst: jeder kleine Schritt in Richtung Frieden und Versöhnung zählt!

"Wisset, die euch den Hass lehren, erlösen euch nicht!"

Ich träume davon, dass Menschen jüdischen Glaubens in unserem Land und weltweit mit Kippa und „magen david“, also dem Davidsstern, ihren Glauben ungehindert und unbedroht auch öffentlich zeigen dürfen.

Ich träume von Synagogen ohne notwendige Bewachung durch die Polizei,

Ich träume davon, dass kein jüdischer Friedhof, auch dieser hier in Stahe, jemals wieder geschändet wird.

Ich träume davon, dass die Hassprediger und Antisemiten in einem großen Loch der Bedeutungslosigkeit verschwinden.

Träume von einer besseren Zukunft sind dazu da, uns für heute und morgen in Bewegung zu bringen.

Und uns allen wünsche ich Kraft, Mut und Phantasie auf unserem Weg als Botinnen und Boten des Friedens und der Versöhnung!

Ihnen allen ein herzliches Schalom!

Johannes de Kleine, Pfarrer i.R. und Pressereferent des Kirchenkreises Jülich
Ansprache auf dem jüdischen Friedhof Stahe am 09.11.2019

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