Mit den berühmten Worten „Hier stehe ich - und kann nicht anders! Gott helfe mir. Amen“ hat Martin Luther auf dem Reichstag zu Worms im Angesicht des mächtigsten Mannes der damaligen Welt, Kaiser Karl V., seine Auffassung von Glaube und Kirche verteidigt. Er sollte alles widerrufen, was er an Kritik gegenüber der damaligen päpstlichen Kirche gesagt und geschrieben hatte. Tat er es nicht, würde er als Ketzer verurteilt und in der Folge auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden. Es kam anders.

Luther stand zu seinen aus der Bibel begründeten Auffassungen trotz Drängen und Gefahr. Er wurde unterstützt von einer Welle der Sympathie im Volk und von seinem mächtigen Landesherrn, Friedrich dem Weisen. Der ließ ihn auch zum Schein entführen und auf der Wartburg bei Eisenach untertauchen, bis sich die Wogen glätteten. Aber nichts war danach mehr so wie vorher. Die Kirche spaltete sich in Europa in einen römisch-katholischen und einen fortan reformierten oder auch protestantisch genannten Teil. Krieg und Gewalt waren wieder einmal die Folge im Kampf um die zukünftige Gestaltung der Welt.
War das alles Luthers Werk gewesen? Ja und Nein! Nein, denn es gab andere Entwicklungen politischer, gesellschaftlicher und sozialer Art, die die Reformation befeuerten. Es gab die Konfl ikte zwischen Kaiser und Fürsten in Deutschland, zwischen verarmten Bauern und habgierigen Herren. Es gab die Medienrevolution des Buchdrucks, die zur schnellen öffentlichen Verbreitung von Meinungen beitrug, es gab neue theologische und philosophische Bewegungen auch vor und neben Luther. Dazu kamen seine theologischen Mitstreiter, Leute wie Melanchthon und Karlstadt in Wittenberg, Zwingli in Zürich und Calvin in Genf und die vielen namhaften Unterstützer der Reformation, Künstler, wehrhafte Ritter, einfl ussreiche Adlige, mächtige Landesfürsten. Luther war nicht allein. Aber ja, er allein war es, der die neuen Einsichten in so einzigartiger Weise und so wirkungmächtig in Worte fasste und zu Papier brachte.
Und er war es auch, der die reformatorischen Erkenntnisse mit Leib und Seele vertrat und Zeit seines Lebens lehrte und den Aufbau einer neuen reformatorischen Kirche und Frömmigkeit zu Wege brachte. Natürlich ist die Reformation nur verständlich unter den Bedingungen ihrer Zeit, des ausgehenden Mittelalters. Die Leute glaubten an Tod und Teufel, das Leben der Massen war unfrei und ärmlich und manches, was AUF EIN WORT Luther und die anderen Reformatoren sagten, kommt uns heute völlig unakzeptabel vor. Irrtümer und große Fehleinschätzungen, die gab es wahrhaftig auch.
Dennoch bleibt für mich ein Kernbestand der Reformation unverzichtbar, dessen positive Wirkung bis heute besteht. Erstens, die Rückkehr zur Bibel und zum Evangelium als der alles entscheidenden Grundlage des Glaubens und der Kirche. Zweitens, die Konzentration auf die Gnade und Barmherzigkeit Gottes, sie sind der Anfang und der Zielpunkt allen Redens über Gott, sie sind der Grund für Vergebung und getrostes Leben. Drittens, die Freiheit als Perspektive und Folge eines Lebens im Glauben, Freiheit für den Glauben und das Gewissen, Freiheit für den Einzelnen und als Dimension der politischen Ordnung. Die Bibel, die Barmherzigkeit und die Freiheit wurden in der Reformation neu in den Mittelpunkt gerückt. Sie wurden bald auch wieder verraten durch Machtinteressen und starre Rechthaberei, aber sie haben Entwicklungen begünstigt, die bis heute spürbar sind. Eine Bewegung hin zu demokratischen Auffassungen, dass jeder Mensch eine Stimme hat und mitbestimmen kann! Eine Bewegung hin zur Gleichheit, eine Gleichheit in der Kirche und im Gemeinwesen, eine Gleichwertigkeit von Theologen und Nicht-Theologen, eine Gleichberechtigung auch zwischen Männern und Frauen! Eine Bewegung hin zu einer neuen Wertschätzung des Weltlichen, einer Trennung von kirchlichen und staatlichen Aufgaben, einer Freiheit des Redens, des Denkens und Glaubens!
Auf das alles möchte ich heute nicht mehr verzichten! Für das alles müssen wir immer noch eintreten und kämpfen! Dafür schätze ich Luther, den großen Anfänger und Reformator! Und darum kommt mir das 500. Reformationsjulbiläum 2017 gerade recht!

 

Pfarrer Wolfgang Theiler