Mensch, bist du klein! Dieser Gedanke kommt einem unwillkürlich, wenn man, wie ich im Urlaub, ein ums andere Mal den majestätischen Berggipfeln der Alpen nahe kommt. Zwei Wochen lang wandern im Wanderparadies Berchtesgaden/ Königsee und rund um den Achensee in Österreich haben meinen Sommerurlaub in diesem Jahr ausgemacht. Es sind die fantastischen Ausblicke auf die majestätische Bergwelt, die ruhigen Momente unter dem weiten Himmel, die herausfordernden Wege durch grüne Wiesen und kühle Waldstücke, die den Wanderurlaub in den Bergen zum unvergesslichen Erlebnis werden lassen.

Das war nicht immer der Fall. In früheren Zeiten fl össten die hohen Berge Respekt und Angst ein. Und das Leben der Bergbewohner war unvorstellbar hart und von Armut geprägt. Wer früher in der Kutsche die Alpen überqueren musste, der zog vor lauter Angst die Gardinen fest zu. Der italienische Dichter Francesco Petrarca (1304 - 1374) kann als erster europäischer Bergsteiger angesehen werden. Von ihm wissen wir, dass er im Jahr 1336 erstmals den Gipfel des Mont Ventoux erklomm, der mit seinen 2000 Metern keinesfalls zu den Giganten zählt. Die Bauern schüttelten nur mit dem Kopf über sein Vorhaben, aber er fand es eine Herausforderung, den Gipfel zu erklimmen, um von dort aus weit in die Welt zu schauen, die zu seinen Füßen lag. Er hatte ein Buch des alten Kirchenvaters Augustin mitgenommen. Dort las er folgende Zeilen, die ihn tief beeindruckten: “Und es gehen die Menschen, zu bestaunen die Gipel der Berge und die ungeheuren Fluten des Meeres und die weit dahin fl ießenden Ströme und den Saum des Ozeans und die Kreisbahnen der Gestirne und haben nicht acht auf sich selbst.“

Seit Petrarca haben es viele ihm nachgetan und Berge und Gipfel erklommen. Seit dem 19. Jahrhundert gab es mit dem aufkeimenden Tourismus in Europa einen regelrechten Boom auf die Alpen. Heute gibt es keinen Gipfel mehr, der nicht erklommen wurde, und die negativen Auswirkungen des Massentourismus im Sommer wie im Winter sind unübersehbar. Dennoch vermag auch heute die natürliche Welt der Berge, die Erfahrung ihrer Schönheit und der alles Menschliche überragenden Dimensionen zu faszinieren. Es stellt sich eine Art neuer Blick auf das eigene Tun und Treiben ganz wie von selbst ein. Der Schweizer Naturforscher Albrecht von Haller (1708-1777) schrieb in seinem Heimatgedicht „Die Alpen“ schon damals: „Entfernt vom eiteln Tand der mühsamen Geschäfte / Wohnt hier die Seelen- Ruh und fl ieht der Städte Rauch;/ Ihr tätig Leben stärkt der Leiber reife Kräfte, / Der träge Müßiggang schwellt niemals ihren Bauch“.

Interessanterweise ging mit der Erfahrung der Bezwingung der Berggipfel durch die Menschen ein religiöses Gefühl der Erhabenheit und Ewigkeit einher. Die unzähligen Gipfelkreuze geben davon ein Zeugnis. In einer modernen Welt wird die Bergwelt so zu einer Art Gegenpol. Alles Hektische macht keinen Sinn, alles menschlich Große erscheint gering, alles Stolze schmilzt dahin, alles Machbare erscheint relativ. Der Anblick der Berge kann einen selbst mit Demut und stillem Glück zugleich erfüllen. Ganz wie es Psalm 8 der Bibel formuliert: „Herr, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen...Was ist der Mensch und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?“

Wer nun selbst vielleicht aus Alters- oder Gesundheitsgründen nicht mehr den Weg in die Berge antreten kann, der sollte es sich nicht nehmen lassen, in Erinnerungen zu schwelgen oder vom Glück und Leben der Alpenerzählungen zu genießen. So wie es der Kinderbuchklassiker „Heidi“ von Johanna Spyri seit Generationen vermittelt, im vergangenen Jahr gerade neu verfilmt!

Mit herzlichen Grüßen am Ende der Sommerferien
Pfarrer Wolfgang Theiler