Magdeburger Dom FluchtIm Advent 2011 hing wochenlang ein großes Wandbild in unserer Kirche in Dürwiß. Es zeigte einen Mann, der einen Esel
führt, auf dem eine Frau sitzend ein Kind in Armen hält. Ein Motiv, das zahllose Vorbilder hat in der klassischen Malerei. Jeder, der ein wenig in biblischer Geschichte bewandert ist, erkennt sofort darin Josef und Maria mit dem Jesuskind auf der Flucht nach Ägypten.

Dieses Bild erhält durch die Entwicklungen des letzten halben Jahres ungeahnte Aktualität. Es könnte sogar provozierend wirken. Nein, nicht auch noch an Weihnachten „Flüchtlinge“. Aber Flüchtlinge sind keine Thema, sie sind Realität. Flüchtlinge sind auch kein Problem, sie sind in erster Linie Menschen. Menschen, die in übergroßer Zahl auf der ganzen Welt unterwegs sind, weggerissen oder vertrieben aus ihren Heimatorten. Viele sind in den vergangenen Monaten zu uns gekommen. Damit haben sich große Probleme ergeben. Probleme, die nicht einfach zu lösen sind. Probleme, derer sich viele Menschen bei uns engagiert angenommen haben. Probleme, die bleiben werden und auch in Zukunft von uns noch Anstrengungen und neue Antworten verlangen. Wir schienen unvorbereitet. Europa erwies sich als zerstritten und uneins. Die Welt zeigte sich unfähig, die Ursachen für die massenhafte Flucht von Flüchtlingen beispielsweise aus Syrien zu bekämpfen. Was nicht geht, ist, den Kopf in den Sand stecken und zu denken, das geht irgendwie vorbei. Was schon gar nicht geht, ist, mit Gewalt gegen dringend gesuchte Flüchtlingsunterkünfte oder Flüchtlingsfamilien selbst vorzugehen, wie vielfach auch bei uns geschehen.

Am Weihnachtsfest mit Flüchtlingen konfrontiert zu werden, dürfte uns jedenfalls nicht überraschen. Ist doch die Flucht seit 2000 Jahren fester Bestandteil des weihnachtlichen Geschehens. Nach der Geburt im Stall in Bethlehem erscheint ein Engel dem Josef, um ihn vor den Mordplänen des Königs Herodes gegen das neugeborene Kind zu warnen (Matthäusevangelium, Kapitel 2). Josef nimmt Esel, Frau und Kind und flieht! Flucht nach Ägypten!

Krippenspiel

Wir werden also am Weihnachtsfest einmal mehr daran erinnert, wie das Leben in Wirklichkeit aussieht. Selbst in der Heiligen Nacht herrscht kein ewiger Friede, sondern die Gewalt der Mächtigen und die Angst der kleinen Leute. Und doch geht eine Botschaft aus des Friedens. Frieden auf Erden allen Menschen, singen die Engel vom Himmel herab. Frieden allen Menschen! Frieden auf Erden! Die Weihnachtsbotschaft verkündet es klar und deutlich. Frieden auf Erden ist nur möglich, wenn der Frieden für alle Menschen gesucht wird. Auch für die Armseligen und die Heimatlosen! Frieden für die Menschen geht nur, wenn der Frieden für die Welt versucht wird. Auch für die von Terror, Bürgerkrieg und Gewalt zerrissenen Länder und Gebiete. Solange dies nicht gelingt, werden Menschen weiterhin fliehen, fliehen wie Josef und Maria mit ihrem Kind. Irgendwohin, wo sie in Frieden leben können. Zum Beispiel bei uns. Wir in Deutschland leben seit 70 Jahren in Frieden und relativem Wohlergehen. Die Dankbarkeit dafür könnte uns ein starker Antrieb sein, der Krise mit langem Atem und einem menschlichen Gesicht zu begegnen.

Mit herzlichen Grüßen für diese Advents- und Weihnachtszeit

Ihr Pfarrer Wolfgang Theiler